Lothringen
Ein kleiner geschichtlicher Abriß

Björn Breddin

In der Geschichte hat die Lage Lothringens "zwischen den Blöcken" Deutschland und Frankreich stets eine wichtige Rolle gespielt. Diese Grenzprovinz war oft genug Kriegsschauplatz, bis sie 1919 an die "Zentrale Paris" angegliedert wurde. Lothringen hat heute die Chance, in der Europäischen Gemeinschaft eine zentrale Stellung einzunehmen, liegt es doch zwischen Straßburg und Brüssel, zwischen Bonn und Paris im Mittelpunkt eines "Achsenkreuzes".

Lothringen ist eine von 22 französischen Regionen. Es liegt im Nordosten von Frankreich. Im Westen grenzt Lothringen an die Champagne-Ardenne, im Süden an Franche-Comté und im Osten an das Elsaß. Im Norden stößt es an Belgien, Luxemburg und Deutschland. Das Gebiet hat eine Gesamtoberfläche von 23.547 km2 [543.965 km2]1. Die Bevölkerung betrug 1994 zirka 2,3 Millionen Menschen [54,5 Mill.]1. Damit gehört Lothringen sowohl flächenmäßig - 4,3% - wie auch von der Einwohnerzahl her - 4,2% - zu den kleineren Regionen Frankreichs. Neben Französisch werden in einigen Gebieten deutsche Dialekte gesprochen, so der Elsäßer Dialekt an der Genze zum Elsaß oder Saarländisch im Norden Lothringens2. Verwaltungsmäßig ist Lothringen in vier Départements aufgeteilt: Meurthe-et-Moselle, 5.241 km2 und 711.822 Einwohner im Jahr 1990 (Département-Hauptstadt Nancy), Meuse, 6.216 km2 und 196.344 Einwohner (Département-Hauptstadt Bar-le-Duc), Moselle mit 6.216 km2 und 1,1 Millionen Einwohner (Département-Hauptstadt und gleichzeitig Hauptstadt der Region: Metz) sowie das Département Vosges mit 5.874 km2 und einer Bevölkerung von 386.258 Einwohnern (Département-Hauptstadt Epinal).

Geographisch entspricht die Region in etwa den oberen Stromgebieten ihrer Hauptflüsse Maas, Mosel und Saar und erstreckt sich westlich des Vogesenhauptkammes nach Osten bis zu den Argonnen. Lothringen gliedert sich in mehrere Einzellandschaften. Die westliche Hälfte zwischen Argonnen und Moselhöhen besteht aus einer Schichtstufenlandschaft, die die Fort-setzung des Pariser Beckens bildet, und sie umfaßt das Barrois, die Maashöhen und Ebene der Woëvre. Östlich der Moselhöhen folgt das Lothringische Plateau. Weder vom Boden noch vom Klima her - 80 Frosttage im Jahr, die Durchschnittstemperatur liegt bei 18° - weist Lothringen günstige Bedingungen für die Landwirtschaft auf. Wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung waren jedoch die lothringischen Steinkohlevorkommen als südliche Fortsetzung der Saarsteinkohlenlager sowie die Eisenerzlager in zwei Becken zwischen Longwy und Pont-à-Mousson sowie westlich von Nancy wie auch reiche Steinsalzvorkommen.

Streifzug durch die Geschichte Lothringens

Da die abwechslungsreiche und interessante Geschichte Lothringens heute noch an vielen Stellen und in vielen Museen lebendig und ein Anziehungspunkt für Touristen ist, ist der geschichtliche Teil länger geworden als zunächst geplant.

Lothringen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und aufgrund seiner Lage an der Kreuzung der großen europäischen Verkehrswege hat Lothringen schon viele Invasionen und Durchmärsche von Armeen erlebt.3

Bereits in der Steinzeit gab es hier eine Reihe von Siedlungsplätzen. Vor allem am Oberlauf der Seille siedelten sich Sippen in dieser Zeit an, da das Salz, das dort durch Verdunstung gewonnen wurde, eine wertvolle Tausch- und Handelsware war. Wahrscheinlich enstanden bereits damals die Handelsstraßen zwischen dem Mittelrhein, den Vogesen und dem süd-europäischen Raum. Heutige Zentren wie Lyon, Straßburg, Reims, Metz und Trier waren schon zu jener Zeit Zielgebiete dieser Wege. Zugleich wurden diese Handelsstraßen als Heerstraßen benützt. Bis zur Neuzeit spielen diese Salzlagerstätten eine große Rolle, und viele Orte beziehen sich in ihrem Ortsnamen auf das Salz, so z.B. Seille, Salival, Marsal4. Weitere Funde aus der Bronzezeit beweisen, daß Lothringen ständig weiter besiedelt und auch Erz abgebaut und verarbeitet wurde. Diese Bodenschätze lockten ständig neue Einwanderer an, vor allem entlang der Mosel, Meurthe und Saulx. Im 2. Jahrhundert v.Chr. besiedelten zwei keltische Stämme das heutige Lothringen, die Leuker im Süden mit der Haupstadt Toul und im Norden die Mediomatriker mit der Haupstadt Metz. Beim Einmarsch der Römer beteiligten sich diese beiden Stämme kaum am Widerstand gegen die Römer5, sondern sie nutzten schnell die Vorzüge, die ihnen die Römer brachten.

Daß die Gewinnung und Verarbeitung der Metalle bereits unter den Römern fast industrielle Ausmaße angenommen hatte, wird durch ungezählte Bodenfunde in Lothringen bestätigt.6 Kein Wunder deshalb, daß der Schmiedegott Vulcanus häufig auf Standbildern und Weihereliefs erscheint.

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Das galloromanische Aphitheater in Grand

Aber auch die ergiebigen Vorkommen an Kalkstein in der Gegend um Pont-à-Mousson wurden ausgebeutet; da die römerzeitlichen Baumeister überall großen Bedarf7 hatten. Nicht zu unterschätzen sind auch die bedeutenden Mengen von Steinmaterial, das außer im bloßen Mauer- und Städtebau für Heiligtümer und Denksteine aller Art Verwendung fand.8

Lagerstätten von Ton und Lehm förderten die Entfaltung einer regen Töpferindustrie, die ihre Waren weit ins Umland exportierte.9 Schließlich erfuhren auch die Salzvorkommen an der Salia (Seille) noch weiter zunehmende Nutzung. Aus Ton gefertigte Vorrichtungen, Batterien aus Röhren und Rinnen, wurden mit Salzlake gefüllt. Durch Erhitzung verdunstete das Wasser, Salz setzte sich ab und konnte als reines Endprodukt entnommen werden.

Salz und Metalle aber auch Bier10, Wein und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden über die alten Handelsstraßen auf den Weg zu Märkten und Verbrauchern gebracht.11 Von großer Bedeutung war aber auch der Wasserweg, der bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts eine große Rolle gespielt hat, wie der Rhein-Marne-Kanal zeigt: Die antiken Binnenschiffer bedienten von Metz aus moselabwärts nicht allein Trier und die Römersiedlungen im Luxemburg-Eifeler Gutland, sondern dehnten ihre Fahrten auch bis zu den rheinischen Kastellstädten Köln, Bonn, Koblenz und Mainz und vermutlich sogar hinüber zu den Donauprovinzen aus. Rund um die Städte, die mit Agrarprodukten versorgt werden mußten, spielte der Anbau von Obst, Gemüse und Getreide natürlich eine wichtige Rolle. Das Lothringer Mittelgebirge eignete sich außerdem durch seine weiten Weideflächen für eine Schafzucht im größeren Stil, welche einen weiteren Erwerbszweig zum Aufschwung brachte: die Herstellung von Wolle und Tuchen.12 Bis heute begegnet man, wenn man durch Lothringen fährt, riesigen Schafherden.

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So war Lothringen bereits in der Antike ein Herzland Europas. Indem die germanischen Völker sich nach Süden ausbreiteten, während sie sich mit der keltischen Bevölkerung im romanisierten Gallien weniger überwarfen als vielmehr vermischten, war Metz offensichtlich ein gewisser Kristallisationspunkt und Ruhepol geblieben. Hier übelagerten und überschnitten sich die Elemente des Germanischen und des Romanischen. Dort entwickelte sich damals die Sprachgrenze zwischen späterem Deutsch und Französisch.

Auch im Reich Karls des Großen war dieses Gebiet nicht nur geographisches Zentrum. Doch wurde dieses Reich im Vertrag von Verdun im Jahr 843 unter seine Enkel aufgeteilt: Das Ostreich ging an Ludwig den Deutschen, das Mittelreich und mit ihm die Kaiserwürde wurde Lothar I. zugesprochen, während das Westreich an Karl den Kahlen fiel. Mit dem Lothar zuerkannten Teil wurde somit das schwierige Zwischenland, ein von Italien bis Friesland reichendes schmales Gebiet, geschaffen, das in der Folgezeit zum dauernden Zankapfel zwischen den späteren Nationen Frankreich und Deutschland wurde. Bereits 869, als Lothar II ohne Erben starb, wurde sein Mittelreich vollends zum Streitobjekt zwischen den Nachbarstaaten im Westen und Osten. Man nannte dieses Land "Lotharii Regnum", Herrschaft des Lothar, und später dann Lotharingien, Lorraine, Lothringen - die beiden letzten Bezeichnungen haben sich bis heute gehalten.

Die Grenzen Lotharingiens umfaßten in etwa das heutige Belgien und Holland, verliefen westlich von Maas und Rhône bis ans Mittelmeer, schlossen Provence und Lombardei mit ein, Teile der Süd- und Westschweiz sowie Burgund, das Elsaß und zogen dann teils links-, teils rechtsrheinisch nordwärts bis hinauf zur Wesermündung: Doch 870 erhielt Ludwig der Deutsche durch den Vertrag von Meersen das Gebiet im östlichen Lothringen mit der Kaiserstadt Aachen und dem Elsaß, den westlichen Teil erhielt Karl der Kahle. Durch den Vertrag von Ribémont (880) erhielt Ludwig III. als König des Ostfrankenreichs die Westhälfte des nördlichen Lotharingien; Burgund und Italien wurden selbständig.

Nach Aussterben der ostfränkischen Karolinger mit Ludwig IV (das Kind) im Jahr 911 fiel Lothringen im Vertrag von Bonn (921) an Westfranken zurück. Im Königstreffen von Sedan im Jahr 935 wurde die Zugehörigkeit zum deutschen Reich bestätigt.. Bis zu René von Anjou und einer Wiedervereinigung Lothringens unter René II. von Vaudément folgte eine wechselhafte Geschichte, mit einer erneuten Teilung (959) in Niederlotharingen, den heutigen Beneluxstaaten und der Rheinprovinz, und Oberlotharingien, dem heutigen Lothringen. Der französische Adel zeigte damals kaum Interesse an Lothringen. Eine Ausnahme ist nur der französische König Lothar, der 978 versuchte, Lothringen noch einmal für Frankreich zu gewinnen, aber von Otto II. 979 durch einen Feldzug bis vor Paris besiegt wurde.

Nach mehrmaligem Wechsel in der Herzogswürde erhielt Graf Gerhard (U 1070) aus dem Hause Elsaß vom deutschen Kaiser das Herzogtum Lothringen zum Lehen. Er wurde zum Stammvater des Lothringer Geschlechts, das bis ins 18. Jahrhundert im Land herrschte. Nach Gerhards Tod gab es in Lothringen eine sehr wechselreiche Geschichte, und die Region wurde mehrfach geteilt und wiedervereinigt. Vor allem die Grafen von Bar waren mächtige Rivalen. Ruhiger wurde es erst als René von Anjou zuerst das Herzogtum Bar (1420) und dann auch noch Lothringen (1431) erbte. Seine Nachkommen versuchten erfolgreich ihr Land als Grenzland zwischen Frankreich und Deutschland zu bewahren, wenn es auch zu einer stärkeren Hinwendung zu Frankreich kam. 1552 gab dann Moritz von Sachsen die lothringischen Reichsbistümer Metz, Toul und Verdun an den franzöischen König Heinrich II. als Gegenleistung für desen Hilfe gegen Karl V.

Mit der Besetzung Lothringens durch Kardinal Richelieus Truppen im 30jährigen Krieg wurde Lothringen schließlich durch Frankreich erobert. Das Elsaß, Metz, Toul und Verdun wurden 1648 im Westfälischen Frieden endgültig Frankreich zugesprochen, Lothringen selber blieb vom Westfälischen Frieden ausgeschlossen. Nach einer wechselhaften Geschichte fiel Lothringen 1766 mit dem Tod von Stanislas Leszczynski, dem Polenkönig ohne Land und gleichzeitig Herzog von Lothringen, endgültig an Frankreich. 1871, im Frieden zu Frankfurt nach dem Krieg 1870/71 zwischen Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich fiel Elsaß-Lothringen als Reichsland wieder an Deutschland. Nach dem 1. Weltkrieg ging Elsaß-Lothringen im Frieden von Versailles wieder an Frankreich zurück.13 Aufgrund seiner Erfahrungen aus dem Krieg 1870/71 und dem 1. Weltkrieg baute Frankreich 1930 die Maginot-Linie, die sich von Simserhof bis nach Fermont entlang der Grenze zum Saarland, Luxemburg und Belgien zieht, gegen einen erneuten deutschen Angriff.14

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Teile der Maginot-Linie

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Waffendrehstände der Maginot-Linie

Im 2. Weltkrieg schlug Deutschland Frankreich 1940 und Lothringen war, wie es damals hieß, "heimgekehrt insReich". Auf den passiven Widerstand, den die lothringer Bevölkerung leistete, reagierten die Deutschen mit Deportation nach Österreich (30.000 Menschen) und Inhaftierung in Konzentrationslagern (6.000 Lothringer). 1944 wurde Frankreich und damit auch Lothringen von den amerikanischen Invasionstruppen befreit und gehört seitdem zu Frankreich.

Verdun

Spuren des Krieges

Die strategische Bedeutung Lothringens läßt sich besonders gut an Verdun verdeutlichen.

Anfang 1916 war Fleury eine Ortschaft, die unglücklicherweise eine Schlüsselstellung für den Zugang nach Verdun bildete und daher besonders hart umkämpft wurde. 16mal wechselten die paar Quadratkilometer den Besitzer, und immer wieder lagen die deutschen und französischen Linien nur wenige Meter von einander entfernt. Wo damals alte Bauernhäuser entlang einer Dorfstraße lagen, liegen heute hin und wieder ein paar Grundmauern zwischen Hügeln. Schilder bezeichnen auf französisch und deutsch, was sich dort einmal befand, bevor Granaten alles verwüsteten.

Oberhalb des Fort Vaux hat man einen guten Blick auf die Woëvre-Ebene, wo die deutsche Armee im Laufe des Winters 1915/16 Truppen und Material für die Schlacht konzentrierten, bevor am 21.2.1916 das Feuer aus 1.225 Artilleriegeschützen aller Kaliber eröffnet wurde. Während der ersten neun Stunden einer acht Monate dauernden Schlacht gingen bereits zwei Millionen Granaten auf die Stadt und das Gebiet um Verdun nieder.

Heute noch ist Fort Vaux für Frankreich ein Symbol, da es lange den schweren Angriffen und einer Belagerung standhielt.15 Zwischen Fort Vaux und Fort Douaumont liegt der östliche Teil des Schlachtfeldes, wo im Frühjahr 1916 verbissene Kämpfe stattfanden. Fort Douaumont, zwischen 1885 und 1903 als Eckstein der Verteidigung Verduns gebaut, wurde schon in den ersten Tagen der Schlacht von den deutschen Truppen eingenommen und erst Ende Oktober 1916 zurückerobert. Nicht weit entfernt von Fort Douaumont liegt das Beinhaus mit seinen nicht zu identifizierenden Überresten von ca. 139.000 französischen und deutschen Soldaten. Auf dem Soldatenfriedhof gegenüber befinden sich 15.000 Gräber.16

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Der Soldat der Gerechtigkeit - Beinhaus vonDouaumont

Der Krieg hat nicht nur die Umgebung, sondern auch die Stadt Verdun geprägt, deren Geschichte aufgrund der strategisch günstigen Lage von Anfang an von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt ist. Nicht umsonst wählten die Gallier für die Stadt diesen Namen, der übersetzt "starke Festung" bedeutet. Zahlreiche Denkmäler im Stadtbild erinnern daran. Unter den Bastionen der noch von Vauban (1675/76) im 17. Jahrhundert errichteten Zitadelle befand sich 1914-18 eine unterirdische Stadt, in der nach der Evakuierung der Zivilbevölkerung 10.000 Soldaten lebten und arbeiteten.17

Lothringen

Ein Wirtschaftsraum im Umbruch

Lothringen ist bis heute ein aktives Industriegebiet. Dabei hält es einerseits an den vielfältigen Sektoren fest, denen es in der Vergangenheit seinen Reichtum verdankte: Holz in den Vogesen, Schuhe in Bataville, Bier in Champigneulles, Gießerei in Pont-à-Mousson, Eisenindustrie in Sollac, Papierherstellung in Etival, Golbey und Stenay, Reifenherstellung in Toul sowie landwirtschaftliche Produkte. Auf der anderen Seite erschließt man hier auch mit modernen Industrieparks und Fertigungsanlagen neue Möglichkeiten für die Technologie und Produktion der Zukunft.

Erwerbstätige nach Bereichen

1962 1992
Bevölkerung 2.194.000 2.299.000 / 57.218.00018
Erwerbstätige insgesamt 832.000 951.000 / 25.103.000
in der Landwirtschaft 10,6% 4,9% / 5,9%
in der Industrie 52,0% 35,0% / 28,5%
in den Dienstleistungen 37,4% 59,9% / 65,5%

Aufgeschlüsselt nach traditionellen Industriezweigen:

1960 1990
Eisenerz 23.600 = 2,83% 1.400 = 0,18%
Steinkohle 43.000 = 5,16% 15.000 = 1,88%
Stahl 90.000 = 10,81% 19.000 = 2,39%

Im 19. Jahrhundert wurde Lothringen eines der wichtigsten Industriegebiete Frankreichs. Grundlage waren die Bodenschätze Eisenerz, Kohle, Salz und der "erneuerbare Rohstoff" Holz. Seit den 60er Jahren aber brachen diese "Pfeiler" der lothringischen Industrie nach und nach zusammen: Der Verlust der Märkte in den Kolonialgebieten traf die Textilindustrie besonders stark. Sie verlor mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze. Der Abbau von Eisenerz ist auf ein unbedeutendes Maß gesunken und wurde 1994 ganz eingestellt, da Importe billiger sind.

Zwar steht das Lothringische Steinkohlengebiet an erster Stelle in Frankreich, aber trotzdem hat es etwa die Hälfte seiner Produktion verloren, und die Schließung der letzten Zechen ist für das Jahr 2005 angekündigt. Auch die Stahlindustrie bekam den Niedergang und die weltweiten Umstellungen zu spüren. Die Wirtschaftskrise hat eine soziale Krise großen Ausmaßes hervorgerufen. 1992 stieg die Zahl der Arbeitslosen auf Spitzenwerte von 10,5% - zum Vergleich: die Arbeitslosenzahl für ganz Frankreich betrug 1992 11,8%. In manchen Gemeinden liegen die Werte bei über 20%. Zugleich nahm die Zahl der Menschen im Vorruhestand zu.

Solche Krisenzeiten gab es in Lothringen aber auch schon früher. Kristall aus Baccarat hat heute eine lange Tradition.

1994 wurde das 230jährige Jubiläum gefeiert, die Gründung dieses Industriezweiges im Jahre 1764 durch den Bischof von Metz war aber als soziale Tat gedacht. In Baccarat und Umgebung hatte damals die sinkende Nachfrage nach Holz die ansässigen Holzfäller arbeitslos gemacht. Die Gründung einer Glasbläserei, die einerseits Holz benötigte, andererseits aber einen neuen Produktionszweig bedeutete, sollte das Elend beseitigen und einen wirtschaftlichen Strukrurwandel einleiten. Das kleine Museum in Baccarat informiert nicht nur über die Geschichte des eigenen Unternehmens und seiner Produkte, sondern auch über die grundlegenden Verfahren der Glas- und Kristallproduktion sowie die unterschiedlichen und oftmals komplizierten Schleif- und Gravurtechniken. Heute werden mehr als 70% der Produkte in 100 Länder der Erde exportiert. Einige zierten einst die Tafel des russischen Zaren, andere werden heute von Ölmilliardären des Nahen Ostens bestellt und gekauft. Gegenwärtig ist in der Kappelle im Museumsbereich ein Lüster ausgestellt. Er ist 5 m hoch, hat einen Durchmesser von 3 m und wiegt 1,5 t. Verwendet wurden insgesamt 8086 Kristallelemente, 2150 m elektrische Leitungen und die 230 Birnen verbrauchen 10600 Watt. Ungefähr 15.000 Arbeitsstunden wurden benötigt, um diesen Lüster herzustellen.

Lothringen schaffte es immer wieder, mit Erfolg wirtschaftliche Krisen zu überwinden und absterbende Industriezweige durch neue zu ersetzen. Dazu trugen in letzter Zeit folgende Maßnahmen bei: die Umgestaltung der industriellen Altflächen, 1992 zu etwa zwei Drittel abgeschlossen; eine industrielle Vielfalt durch die Ansiedlung neuer, zukunftsweisender Industriezweige. Hierzu zählen die französische Automobilindustrie, sowie deutsche Investitionen von Firmen aus verschiedenen Industriegebieten wie Grundig in der Unterhaltungselektronik, Continental in der Reifenproduktion oder Viesman im Industriekesselbau. Dazu gehört auch das neue Werk der Daimler Benz AG in Hambach, in dem seit 1998 der neue Smart produziert  wird.

Ausschlaggebend für diesen Standort in Lothringen waren neben den billigen Grundstückskosten die niedrigeren Arbeitslöhne und Lohnnebenkosten sowie die Tatsache, daß in diesem Teil Lothringens die Bevölkerung Deutsch spricht. Weitere Maßnahmen waren die Gründung von zwei "Technologieparks" in den beiden Universitätsstädten Metz und Nancy, in Frankreich als "technopoles" bezeichnet. In ihnen werden Forschung und High-Tech-Produktion verbunden. Informationen, Hilfestellungen bei Problemlösungen und Dienstleistungen sind dort auf engem Raum stets abrufbar.

Die über den Lagern der Bodenschätze in den nördlichen Ebenen entstandene Schwerindustrie mit ihren Eisenerz-, Kohle- und Salzbergwerken sowie den großen Verhüttungsanlagen, Walzwerken und Kraftwerken und seit 1986 auch die umstrittenen Nuklearblocks des Atomkraftwerks von Cattenom prägen das Bild Lothringens. Doch im Vergleich zur Gesamtfläche des Landes ist dieses industrielle Zentrum ziemlich klein. Der weit überwiegende Teil des fälschlich als "trist und grau" verrufenen Lothringen ist in Wahrheit grün. Mehr als ein Drittel (36%) der Bodenfläche wird von Wald und ein weiteres Drittel von landwirtschaftlich genutzten Gebieten bedeckt. Wenn man daran denkt, daß Lothringen eine Fläche umfaßt, die ungefähr ebenso groß ist wie das gesamte Belgien, kann man sich vorstellen, welch einen erstaunlichen Vorrat an natürlichen Landschaftsräumen dies bedeutet. So prägt die Landwirtschaft die Gegenden um Bar-le-Duc im Süden des Barrois und nördlich davon die Argonnen. Und weil Lothringen abseits seiner großstädtischen und industriellen Zentren ein ursprüngliches Bauernland mit einer Jahrhunderte alten Tradition geblieben ist, findet man heute noch viele kleine Ortschaften, die sich mit ihren alten Bauernhöfen und Häusern völlig der Natur anpassen. Da 1990 nur 28% der Bevölkerung auf dem Land lebten und bis heute eine Landflucht in die großen Industriezentren besteht, ist dieser rein ländliche Dorfcharakter auch nicht bedroht.

Bei den landwirtschaftlichen Produkten ist u.a. die Käseproduktion zu nennen,. Neben dem typischen Lothringer Käse, dem Géromé, stammt 65% der gesamten französischen Brieproduktion aus Lothringen. Ungefähr die Hälfte der Arbeitskräfte in der Nahrungsmittelindustrie wird aber von den beiden großen Mineralwasserproduzenten Vittel und Contrex im Süden Lothringens beschäftigt, die heute beinahe 2 Milliarden Flaschen pro Jahr abfüllen.

Natur und Kultur im Herzen Europas -
Lothringen im touristischen Aufwind

Auch der Tourismus spielt eine immer größere Rolle, obwohl Lothringen immer noch mit dem bekannteren und für Süddeutsche näherliegenden Elsaß zu kämpfen hat. Während der nördliche Teil Lothringens mit der lothringischen Seenplatte zunächst das bevorzugte Naherholungsgebiet der Saarländer war, nutzen heute immer mehr Touristen dieses Gebiet, das auf Grund seiner Geschichte und seiner Natur jedem etwas bieten kann. Bereits 1786 schrieb Madame de Staël, als sie zur Kur in den Vogesen war:"Nie vorher habe ich die Schönheiten der Natur so sehr genossen". Doch die Römer kannten bereits lange vor ihrer Zeit die besondere Wirkung des lothringischen Wassers. In Grand wurden die Überreste eines 149,50 m langen Amphitheaters ausgegraben, das für 17.000 bis 20.000 Besucher Platz bot. Grand war damals das größte Wasserheiligtum Nordgalliens. Von weither kamen kranke Pilger, um dort in den Wasserbassins geheilt zu werden. Heute besuchen rund 800 Menschen täglich die Thermen des nahegelegenen Vittel, das neben seinem Mineralwasser durch seine drei Quellen weltberühmt wurde.

Aber nicht nur Kurgäste werden durch das Wasser nach Lothringen gelockt. Die Lothringische Seenplatte mit ihren Etangs in der Nähe von Sarrebourg bietet für alle Wassersportler etwas. Man kann hier schwimmen, segeln, surfen oder auch angeln. Viele Saarländer haben in diesem Gebiet einen festen Standplatz auf einem der zahlreichen Campingplätze gemietet oder sich ein Ferienhaus gekauft. Da die Seen z.T. im Parc Naturel Régional de Lorraine liegen, hat man hier ein wunderschönes, ruhiges Erholungsgebiet. Über die nahegelegene Autobahn Straßburg - Metz - Paris mit Anbindung an die deutschen Autobahnen von Kaiserslautern, Karlsruhe und Saarbrücken sowie die Autobahn Brüssel - Metz - Nancy - Epinal ist dieses Gebiet schnell zu erreichen. Ein weiterer schöner See, der von den französischen Elektrizitätswerken als Staussee angelegt wurde, ist der Lac de Pierre Percée in der Nähe von Badonviller - wo man sich bei einer Bootsfahrt fast in die Wildnis Kanadas versetzt fühlt - sowie der Lac de Géradmer im 3.200 km² großen Parc Naturel Régional des Ballons des Vosges, der vor allem auch als Wintersportgebiet bekannt ist. Eine weitere Möglichkeit bietet der Canal de la Marne au Rhin, der ganz Lothringen von Westen nach Osten, und die Moselle, die die Region von Norden nach Süden durchquert. Viele "Freizeitkapitäne" nützen diese beiden Wasserwege, die früher für den Warentransport von großer Bedeutung waren, um entweder Lothringen vom Hausboot aus zu erkunden oder um weiter nach Frankreich hinein zu fahren. Der Canal des Houillères de la Sarre und die Meuse bieten weitere Möglichkeiten für die Binnenschiffahrt. Eine besondere Attraktion ist der Plan Incliné von St. Louis-Arzviller, ein Schrägaufzug für Schiffe, mit dem ein Höhenunterschied von 44,55 m und einer Steigung von 41% überwunden wird. Der Fördertrog, in dem die Schiffe hoch und runter transportiert werden, ist 43 m lang und 5,20 m breit. Schiffe mit einem Tiefgang bis zu 3,20 m können transportiert werden. Die Höchstgeschwindigkeit des Troges beträgt 60 cm pro Sekunde oder 2,1 km pro Stunde. Schneller darf der Trog nicht fahren, da sonst das Wasser im Trog anfangen würde zu schwappen.

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Aufzugfahren mit dem Schiff

Neben den vielen Museen, von denen einige bereits im geschichtlichen Teil erwähnt worden sind, findet man viele sehenswerte Kirchen, wie z.B. die Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains in Metz aus dem 4. Jahrundert. Sie ist die älteste Kirche Frankreichs. Andere bekannte Kirchen sind die Kathedrale Notre-Dame in Verdun, deren Bau im 11. Jahrhundert begonnen wurde, Saint-Maurice in Epinal aus dem 12. Jahrhundert, die Kapelle der Cordeliers in Sarrebourg, ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert, mit einem modernen Kirchenfenster von Chagall, der auch Fenster im Dom Saint-Etienne in Metz gestaltet hat, oder die Kathedrale Saint-Etienne in Toul, die im 13. Jhrh. begonnen und im 16. Jhrh. vollendet wurde. Aber auch in kleineren Städten stößt man immer wieder auf alte, interessante Kirchen, wie z.B. Saint-Rémi in Fénétrange oder die Kirche und das Kloster in Hattonchâtel. Auch Schlösser und Festungsanlagen finden sich überall in Lothringen. Wer sich für die Antike interessiert findet direkt an der Grenze zu Deutschland im europäischen Archäologiepark in Bliebruck-Reinheim die Überreste eines galloromanischen Handwerker- und Kaufmannsviertel. Eine große römische Villa mit einem Wohngebäude von 600 m² und einem riesigen, fast 30.000 m² Vorhof wird auf der deutschen Seite erforscht.

Damit ist Lothringen eine Region, die nie langweilig wird und an der man immer wieder etwas Neues entdecken kann.

1 Die Zahlen in eckigen Klammern beziehen sich auf Frankreich insgesamt.
2 Dazu kommt noch der luxemburgerische Dialekt
3 Einen umfassenden Überblick über die Geschichte Lothringens gibt das Musée Historique Lorrain in Nancy
4 Die Bedeutung und Geschichte des Salzes in Lothringen zeigt das Salzmuseum in Marsal, Département Moselle.
5 Romanische Mosaikarbeiten und ein galloromanisches Amphitheater sind in Grand, Département Vosges, zu sehen.
6 Die Geschichte des Eisens in Lothringen wird im Musée de l'Histoire du Fer in Jarville, Département Meuthe-et-Moselle, und im
   Musée des Mines de Fer in Neufchef, Département Moselle, gezeigt.
7 Bei Ars-sur Moselle und Jouy-aux-Arches, Département Moselle, kann man heute noch die Ruinen der galloromanischen
   Wasserleitung bewundern, die die Mosel zwischen den beiden Orten überspannte.
8 Museen in Sarrebourg, Metz, Nancy und Verdun verfügen über interessante Sammlungen von Steindenkmälern.
9 Im Museum von Cutry, Département Meurthe-et-Moselle, sind 500 Exponate aus 8 Jahrhunderten antiker Keramik ausgestellt. Ein
   kleines Museum in Badonviller, Département Meurthe-et-Moselle, zeigt sehr schöne Keramiken.
10 Interessantes rund um das Bier ist im Musée de la Bière in Stenay, Département Meurthe-et-Moselle, zu sehen.
11 Bei Donon, Département Vosges, findet man noch heute Überreste eines der bedeutenden galloromanischen Verkehrswege.
12 In Ventron, Département Vosges, kann man im Musée du textile die Geschichte der Textilindustrie verfolgen.
13 Ein großer amerikanischer Soldatenfriedhof mit über 14.000 Gräbern bei Romagne, Département Meuse, und ein kleinerer bei
    Thiaucourt, Département Meurthe-et-Moselle, mit ungefähr 4.000 Gräbern amerikanischer und 117 Gräbern unbekannter
    Soldaten, erinnern heute noch an diese Zeit.
14 Noch heute kann man Teile der Maginot-Linie besichtigen. So. z.B. Le Hackenberg in Veckring, eine der wichtigsten
    Befestigungsanlagen dieser Linie, oder den Bunker von Zeiterholz in Entrange, sowie die Festungsanlagen vom Immerhof in
    Hettange-Grande und von Bambesch in Bambiderstroff, um einige zu nennen.
15 Das Innere des Forts ist zum Museum ausgebaut. Mit Wachsfiguren wird versucht, einen Eindruck vom Leben der Besatzung
     wiederzugeben.
16 Ein deutscher Soldatenfriedhof mit 33.108 Gräbern befindet sich bei Andilly, Département Meurthe-et-Moselle. Der größte
    amerikanische Soldatenfriedhof aus dem 2. Weltkrieg in Europa liegt bei Saint-Avold, Département Moselle. Hier sind 10.489
    amerikanische Soldaten begraben.
17 In Verdun ist heute noch die Kriegsgeschichte lebendig. Neben der Festungsanlage von Vaux kann man die Festungsanlage von
    Douaumont, die Gedenkstätte von Verdun und das Musée de guerre besuchen.
18 Vergleichszahlen für ganz Frankreich

Literaturverzeichnis:

Anhäuser, Uwe, Lothringen, Köln, 1985
Lothringen, BB communication, Metz, 1995
Lothringen, Comité Régional du Tourisme Lorraine, 1995
Gehring, Jean-Marie und Claude Saint-Dizier, Unser Nachbar Frankreich, Westermann, Braunschweig, 1993
L'Etat de la France 94-95, Paris, o.J.
QUID 1996, Auszugskopie der französischen Botschaft, Bonn
Stein, Werner, Kulturfahrplan, Berlin, 1964
Neef, Ernst, Das Gesicht der Erde, Frankfurt, 1968
Stier, Hans-Erich u.a., Völker, Staaten und Kulturen. Ein Kartenwerk zur Geschichte, Westermann, Braunschweig 1957